Ich war für eine Woche bei Freunden in Valencia zu Besuch. Es war eine etwas ungewöhnliche Zeit in meinem Leben.
Ich hatte gerade eine schwierige persönliche Phase hinter mir und war dabei, wieder regelmäßig zu schreiben. Nach vielen Jahren, in denen ich kaum etwas Literarisches zu Papier gebracht hatte, arbeitete ich an einem Roman. Oder zumindest an etwas, das irgendwann ein Roman werden sollte. So genau wusste ich das damals selbst noch nicht.
Meine Tage hatten einen ziemlich einfachen Ablauf: morgens aufstehen, spazieren gehen, irgendwo etwas essen oder trinken und dabei schreiben. Abends war ich wieder bei meinen Freunden. Eigentlich ein wunderbares Programm, wenn man darüber nachdenkt.
Zu Fuß durch die Huerta de Valencia
Meine Freunde wohnen in Pobles del Nord, einem Bezirk im Norden der Stadt Valencia, der aus mehreren alten Dörfern besteht und von Gemüsefeldern und traditioneller Landwirtschaft geprägt ist. Von dort aus konnte ich kilometerweit durch die Huerta de Valencia laufen, die weite Gartenlandschaft mit ihren Feldern und Gemüsebeeten rund um die Stadt. Es gibt dort Wege, auf denen die Leute spazieren gehen, joggen oder Rad fahren. In der Ferne konnte ich Valencia und das Mittelmeer erkennen.
Ich war begeistert.

Vielleicht lag es auch an meiner damaligen Stimmung, aber diese Spaziergänge hatten für mich etwas Magisches. Ich lief durch die Felder, dachte über mein Leben und meine Geschichten nach und hatte manchmal das Gefühl, dass sich die Dinge in meinem Kopf beim Gehen von selbst sortierten.
Das funktionierte allerdings nicht immer. Manchmal ging ich stundenlang und hatte hinterher genauso viele Fragen wie vorher. Aber immerhin hatte ich mich bewegt.
Rocafort: ein Bahnhof, ein Bier und ein kaltes Revuelto
Am vierten Tag kam ich nach Rocafort, einem kleinen Ort nördlich von Valencia. Dort entdeckte ich die Bar La Estación, direkt am kleinen Bahnhof, an dem die Metro aus Valencia hält, und setzte mich mit meinem Notizbuch an einen Tisch.
Die Atmosphäre gefiel mir sofort. Eine ganz normale, einfache Bar ohne großes Drumherum. Die Leute unterhielten sich, es war lebhaft, man trank etwas und bestellte Tapas. Genau diese Art von Lokal mag ich in Spanien besonders gern. Man muss dort nichts Besonderes sein oder tun. Man setzt sich einfach hin, bestellt etwas und gehört für eine Weile dazu.
Ich bestellte ein kühles Turia, ein valencianisches Bier, und ein Revuelto mit Spargel und Pilzen.
Ein Revuelto ist ein spanisches Gericht aus locker gerührten Eiern, die mit verschiedenen Zutaten zubereitet werden. Es gibt unzählige Varianten: mit Pilzen, Spargel, Garnelen, jungem Knoblauch oder was gerade gut zusammenpasst. Einfach, meistens ziemlich günstig und, wenn es gut gemacht ist, hervorragend.
Meines war köstlich.
Allerdings hatte ich ein kleines Problem: Ich konnte nicht aufhören zu schreiben.
Normalerweise freue ich mich sehr aufs Essen. An diesem Tag aber liefen die Gedanken schneller als meine Gabel. Ich schrieb eine Seite nach der anderen und wollte keine Pause machen, um den Faden nicht zu verlieren.
Also ließ ich das Revuelto kalt und das Bier warm werden.
Eine ziemlich bedauerliche Behandlung zweier Dinge, die eigentlich genau umgekehrt genossen werden sollten.
Aber ich war glücklich. Ich hatte diesen seltenen Zustand erreicht, in dem das Schreiben fast von allein geht. Keine langen Pausen, kein ständiges Streichen, kein Grübeln über jeden Satz.
Am nächsten Tag ging ich wieder hin. Und am übernächsten auch. Und dann noch einmal.
Ich hatte meinen Platz gefunden.

Was Antonio Machado mit Rocafort zu tun hatte
Ich muss an dieser Stelle etwas erklären.
In meinem Roman Cap de Creus geht es unter anderem um Portbou, einen kleinen Ort an der spanisch-französischen Grenze. Meine Großmutter hatte mir schon als Kind Geschichten darüber erzählt, und dieser Ort hat mich mein ganzes Leben lang auf eine seltsame Weise fasziniert.
Während ich an dem Buch arbeitete, wurde Portbou für mich auch zu einem Symbol für Übergänge und Neuanfänge. Und irgendwann kam ich dabei auf Antonio Machado.
Machado war einer der großen spanischen Dichter. Gegen Ende des Spanischen Bürgerkriegs floh er über die Grenze nach Frankreich und starb 1939 in Collioure, nicht weit von Portbou entfernt.

Besonders beschäftigte mich sein berühmter Vers „Caminante, no hay camino, se hace camino al andar“: Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht erst beim Gehen.
Das passte ziemlich gut zu meiner damaligen Situation. Schließlich verbrachte ich meine Tage genau damit: gehen und schreiben, ohne wirklich zu wissen, wohin mich das alles führen würde.
In der Bar am Bahnhof von Rocafort schrieb ich also über Portbou, über Machado, über das Gehen und über diese merkwürdige Verbindung zwischen Landschaften, Erinnerungen und dem eigenen Leben.
Ich war so vertieft in diese Gedanken, dass ich überhaupt nicht auf die Idee kam, mich näher mit der Geschichte von Rocafort zu befassen.
Das sollte sich noch ändern.
Paella in Valencia: Die beste kommt manchmal in der Pfanne nach Hause
Eines Abends hatten meine Freunde eine Paella bei Rocarroz bestellt, einem kleinen Betrieb in Rocafort, den ich jedem empfehlen würde, der in der Gegend ist und gern guten Reis isst.
Das Konzept finde ich großartig.
Man bestellt seine Paella, holt sie ab oder lässt sie sich nach Hause bringen und bekommt sie in der großen, flachen Pfanne, in der sie gekocht wurde. Die ist übrigens so groß, dass sie auf dem Heimweg in den Kofferraum muss. Danach gibt man die Pfanne wieder zurück, oder sie wird, je nach Service, abgeholt.
Man muss sie nicht einmal selbst sauber machen.
Rocarroz ist eigentlich gar kein richtiges Restaurant, sondern vor allem eine Küche mit einem kleinen Empfangsbereich, in dem man bestellt, bezahlt oder die fertige Paella abholt. Zum Essen bleibt man dort nicht.
Das Interessante ist die Küche selbst. In der Mitte steht eine große Arbeitsfläche, ringsherum sind die Kochstellen angeordnet. Manchmal stehen dort acht Paellas gleichzeitig auf dem Feuer. Vier oder fünf Leute, Männer und Frauen, kümmern sich gemeinsam um die verschiedenen Reisgerichte. Meistens läuft Musik, jemand trinkt zwischendurch etwas, alle sind beschäftigt, und trotzdem herrscht eine fast festliche Stimmung. Und natürlich riecht es unglaublich gut.
Ich liebe diese Atmosphäre. Eigentlich kommt man nur vorbei, um sein Essen abzuholen, und würde am liebsten noch eine Weile bleiben und den Leuten beim Kochen zuschauen. Es ist laut, lebendig und herrlich unkompliziert. Und wenn die Paella fertig ist, nimmt man sie mit nach Hause. Mehr braucht es nicht.
Es gibt verschiedene valencianische Reisgerichte, etwa Arroz del Senyoret, bei dem die Meeresfrüchte schon geschält und der Fisch ohne Gräten im Reis liegen, oder Arroz al Horno, einen im Ofen gegarten Reis, der unter anderem mit Blutwurst zubereitet wird.
Aber mein Favorit ist und bleibt die klassische Paella Valenciana.
Und das hat eine längere Geschichte.
Als ich mit 21 Jahren nach Barcelona kam, arbeitete ich als Kellner in einem Restaurant. Die Köchin hieß Elena und stammte aus Valencia. Sie machte eine Paella Valenciana, die mich vollkommen begeisterte.
Bis dahin kannte ich vor allem die Paella meiner Großmutter Loli. Die war ebenfalls fantastisch, aber anders. Sie verwendete unter anderem Kaninchen, Butifarra, eine katalanische Wurst, und Artischocken. Eine Paella mit ihrer ganz eigenen Familientradition.
Elenas Paella war eine andere Welt.
Die klassische valencianische Variante wird traditionell mit Reis, Huhn, Kaninchen, flachen grünen Bohnen, Garrofó – einer großen, hellen Bohne – und weiteren Zutaten wie Tomate, Olivenöl und Safran zubereitet. Je nach Ort und Familie gibt es natürlich Unterschiede.
Was ich daran so liebe, ist vor allem der Geschmack des Reises. Wenn er richtig zubereitet ist, nimmt er die Aromen der Brühe und der übrigen Zutaten auf, ohne seine Konsistenz zu verlieren. Und wenn sich am Boden eine dünne, leicht geröstete Schicht bildet, der berühmte Socarrat, bin ich endgültig zufrieden.
Eine gute Paella Valenciana gehört für mich zu den besten Gerichten der Welt.
Ich weiß, das ist eine ziemlich große Aussage für Reis mit Huhn und Kaninchen. Aber ich stehe dazu.
Die Paella von Rocarroz erinnerte mich an die von Elena. Und natürlich auch an meine Großmutter, obwohl ihre Paella ganz anders schmeckte.
So ist das manchmal mit dem Essen. Man sitzt bei Freunden in Valencia, und plötzlich sind Menschen, die man vor Jahrzehnten in einer Küche kennengelernt hat, irgendwie wieder mit am Tisch.
„Ach, Machado hat doch hier in Rocafort gewohnt“
An diesem Abend saßen wir also zusammen, aßen unsere Paella, tranken dazu einen guten Rioja und unterhielten uns.
Irgendwann erzählte ich meinen Freunden, wie gut ich in der Bar am Bahnhof von Rocafort schreiben konnte. Ich erklärte, dass ich mich gerade mit Antonio Machado beschäftigte, mit seinen Gedichten und seiner Vorstellung vom Weg, der beim Gehen entsteht.
Eine meiner Freundinnen hörte zu und sagte dann ganz beiläufig:
„Ach ja, Machado hat doch hier in Rocafort gewohnt.“
Ich schaute sie an.
„Wie bitte?“
„Ja, Antonio Machado. Der hat hier eine Zeit lang gelebt.“
Ich konnte es kaum glauben.
Ehrlich gesagt dachte ich zuerst, sie irre sich. Ich kannte Machados Geschichte einigermaßen. Ich wusste, dass er aus Andalusien stammte und am Ende des Spanischen Bürgerkriegs über die französische Grenze geflohen war. Aber dass er zwischendurch in Rocafort gelebt hatte? Davon hatte ich noch nie gehört.
Also sah ich im Internet nach.
Und tatsächlich: Sie hatte recht.
Jetzt war ich wirklich sprachlos.
Seit Tagen lief ich durch diese Landschaft. Ich hatte ausgerechnet in Rocafort eine Bar gefunden, in der ich so gut schreiben konnte wie schon lange nicht mehr. Und dort hatte ich mich intensiv mit Machado beschäftigt, ohne zu wissen, dass er genau in diesem Ort gelebt hatte.
Ich musste das erst einmal verdauen.
Und damit meine ich ausnahmsweise nicht die Paella.
Tatsächlich lebte Machado während des Bürgerkriegs, von November 1936 bis April 1938, mit seiner Familie in Rocafort, in einem Haus namens Villa Amparo. Er verbrachte dort einen guten Teil seiner letzten Zeit in Spanien, bevor ihn der Krieg weiter nach Barcelona und schließlich ins französische Exil führte.
Natürlich kann man das alles als Zufall betrachten.
Wahrscheinlich ist es sogar einer.
Aber ich muss zugeben, dass ich in diesem Moment wenig Lust auf eine vernünftige Erklärung hatte.
Ich war nach Valencia gefahren, um bei Freunden unterzukommen, spazieren zu gehen und wieder ins Schreiben zu finden. Und nun stellte sich heraus, dass ich meine Tage ausgerechnet an einem Ort verbrachte, an dem einer der Dichter gelebt und gearbeitet hatte, mit denen ich mich gerade am intensivsten auseinandersetzte.
Das fand ich ziemlich unglaublich.
Meine Freunde waren ebenfalls überrascht, als ich ihnen erklärte, woran ich in den vergangenen Tagen geschrieben hatte.
Ich weiß nicht, ob solche Zufälle etwas bedeuten. Aber ich weiß, dass sie sich manchmal so anfühlen.
Eine Woche, die mir geblieben ist
Ich denke oft an diese Tage in Valencia zurück.

An die langen Wege durch die Huerta, die Felder, den Blick auf die Stadt und das Mittelmeer. An die Bar am Bahnhof von Rocafort, an die Gespräche im Hintergrund, an mein Notizbuch und an das Revuelto, das ich vor lauter Schreiben kalt werden ließ.
Und natürlich an die Paella.
Es war eine Woche, in der ich viel gelaufen bin, gut gegessen und erstaunlich viel geschrieben habe. Ich habe Zeit mit Freunden verbracht und etwas wiedergefunden, das mir lange gefehlt hatte: die Freude daran, mich hinzusetzen und einfach zu erzählen.
Ein Teil dessen, was damals entstand, ist später in meinen Roman Cap de Creus eingeflossen. Das Buch gibt es bisher nur auf Spanisch. Ich hoffe aber, es eines Tages auch ins Deutsche übersetzen zu können. Schließlich spielt ein großer Teil der Geschichte in Deutschland. Wer trotzdem schon neugierig geworden ist, findet es bei Amazon Spanien.
Wenn ich heute an Rocafort denke, denke ich aber nicht zuerst an Literatur oder an irgendwelche großen Geheimnisse des Universums.
Ich denke an diese kleine Bar am Bahnhof, an ein kühles Turia und an eine Portion Revuelto, die wirklich ausgezeichnet war.
Und ich denke daran, dass ich beim nächsten Besuch vielleicht etwas weniger schreiben und dafür rechtzeitig aufessen sollte.
Wobei ich mir da nicht allzu sicher bin.
Für eine Paella Valenciana zu Hause finden Sie in unserem Paella-Set die Grundlage: Bomba-Reis aus der Albufera bei Valencia, Safranfäden, Pimentón de la Vera und natives Olivenöl extra. Mehr Reisegeschichten von Luis Maryniok: Zwei Tage in Segovia.
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