Ich war vorher noch nie in Segovia gewesen. Eigentlich fuhr ich nur hin, weil ein ehemaliger Arbeitskollege, der aus Segovia stammt, heiratete und mich zu seiner Hochzeit eingeladen hatte.
Außer ihm kannte ich dort praktisch niemanden, aber ich dachte: Warum nicht? Also fuhr ich allein mit dem AVE, dem spanischen Hochgeschwindigkeitszug, von Barcelona nach Madrid und von dort weiter nach Segovia.
Ich kam schon am Freitag an, einen Tag vor der Hochzeit. Das mache ich gern so, wenn es geht: lieber einen Tag früher ankommen und in Ruhe durch die Stadt laufen, statt fünf Minuten vor einem Termin mit dem Koffer in der Hand irgendwo aufzutauchen.
Der AVE-Bahnhof von Segovia liegt ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, also nahm ich von dort den Bus in die Altstadt. Schon diese Fahrt fand ich großartig. Wir fuhren durch diese weite kastilische Landschaft, überall Felder, Kühe und Schweine, und irgendwann ist man in der Stadt und steht vor diesem unglaublichen römischen Aquädukt.

Ich ließ meine Sachen im Hotel und lief los.
Segovia ist perfekt dafür. Man kann einfach herumlaufen und schauen: das Aquädukt, die alten Straßen, die Stadtmauer, die Ausblicke auf die Landschaft. Ich hatte nichts Besonderes vor. Ich wollte die Stadt sehen und hatte für den Abend nur einen sehr klaren Plan: Wenn ich schon zum ersten Mal in Segovia war, musste ich Cochinillo essen, Spanferkel, das Gericht, für das Segovia in ganz Spanien bekannt ist.

Der erste Abend: Cochinillo im Figón de los Comuneros
Am Abend saß ich dann allein im Restaurant El Figón de los Comuneros, bestellte ein Glas Ribera del Duero und fragte den Kellner, ob ich vor dem Spanferkel noch eine Vorspeise nehmen sollte.
Er sagte, ich solle es lassen. Nur das Cochinillo.
Das fand ich schon mal sympathisch. Ein Kellner, der einem aktiv davon abrät, mehr Geld auszugeben, hat bei mir sofort einen gewissen Vertrauensvorschuss.
Also keine Vorspeise.
Das Spanferkel kam mit Pommes frites und war fantastisch: knusprige Haut, sehr zartes Fleisch, ein Glas Ribera dazu. Mehr brauchte ich wirklich nicht.
Irgendwann kam der Kellner wieder und fragte, ob seine Empfehlung gut gewesen sei.
„Sehr gut“, sagte ich.
Und der Mann ballte tatsächlich beide Fäuste und machte eine kleine Siegergeste. Ungefähr so: Vamos!
Ich musste lachen. Er freute sich wirklich darüber, dass er mir das Richtige empfohlen hatte. Das war vielleicht der erste Moment, in dem mir etwas auffiel, das mich das ganze Wochenende begleiten sollte: Die Menschen in Segovia waren nicht einfach nur freundlich. Sie waren fast schon offensiv freundlich. Sie waren stolz auf ihre Stadt und wollten, dass man sie auch gut fand.
Nach dem Essen trank ich noch ein paar Cañas auf verschiedenen Terrassen und unterhielt mich ein bisschen mit den Leuten. Überall machte ich dieselbe Erfahrung. Wenn die Leute merkten, dass ich zum ersten Mal da war, wollten sie wissen, ob es mir gefiel, was ich schon gesehen und was ich gegessen hatte.
Und natürlich gefiel es mir.

Die Hochzeit: drei Spanferkel und eine Jota
Am nächsten Tag war die Hochzeit. Schon in der Iglesia de la Santísima Trinidad, einer wunderschönen romanischen Kirche in der Altstadt, lernte ich den Vater meines ehemaligen Kollegen kennen. Wir hatten uns noch nie gesehen, und irgendwann fragte er mich, ob ich gerade erst in Segovia angekommen sei.
„Nein, schon gestern“, sagte ich. „Ich wollte in Ruhe ankommen. Ich bin schon durch die ganze Stadt gelaufen und habe gestern Abend natürlich Cochinillo gegessen. Wenn ich schon in Segovia bin.“
Man hätte sein Gesicht sehen müssen.
Er war offensichtlich sehr zufrieden mit meiner Entscheidung. Dann kam er ein bisschen näher und sagte leise:
„Heute isst du noch eins.“
Das war keine Empfehlung. Das war eine Information.
Und er hatte recht.
Bei der Hochzeitsfeier wurden irgendwann drei ganze Spanferkel in den Saal getragen. Und zwar nicht irgendwie. Es gab Musik, eine kleine Flöte und eine Trommel, die Köche kamen mit den drei Cochinillos herein, die Flammen brannten noch, und der ganze Saal klatschte.
Dann wurden sie mit Tellern zerteilt.
Ich kannte diese Tradition zwar, hatte sie aber noch nie mit eigenen Augen gesehen und schaute entsprechend fasziniert zu. Der Bräutigam zerteilte das erste Spanferkel, die Braut das zweite und einer der Köche das dritte. Danach wurden die Teller auf den Boden geworfen und zerbrachen mitten im Saal.
Großer Jubel.
Ich dachte mir: Gut. Gestern habe ich ein Spanferkel gegessen. Heute werden drei brennende Spanferkel mit Musik hereingetragen und anschließend Teller auf den Boden geworfen. Ich fange langsam an, Segovia zu verstehen.
Und das Beste: Das zweite Cochinillo meines Wochenendes war sogar noch besser als das erste.
Später wurde getanzt. Ich kannte, wie gesagt, fast niemanden, also stand ich irgendwann ziemlich friedlich mit einem Glas Wein etwas abseits und schaute den anderen beim Tanzen zu. Damit war ich eigentlich vollkommen zufrieden.
Die Segovianer offenbar nicht.
Irgendwann kamen ein paar Leute, holten mich aus meiner Ecke und zogen mich auf die Tanzfläche. Es wurde eine Jota getanzt, ein traditioneller Volkstanz. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Jota getanzt und verfügte entsprechend über keinerlei nützliche Fähigkeiten für diese Situation.
Aber das spielte keine Rolle. Sie zeigten mir, was ich machen sollte, und ich versuchte einfach mitzumachen.
So stand ich plötzlich auf einer Hochzeit, auf der ich kaum jemanden kannte, und tanzte zu „La chica segoviana“ eine Jota.
Es waren die Menschen
Ich glaube, genau da verstand ich, warum mir die Stadt in so kurzer Zeit so gut gefallen hatte.
Nicht nur wegen des Aquädukts oder der Altstadt. Und auch nicht nur wegen des Cochinillos, obwohl zwei Spanferkel innerhalb von 24 Stunden natürlich überzeugende Argumente sind.
Es waren vor allem die Menschen.
Sie waren stolz auf ihre Stadt, ihre Küche und ihre Traditionen, aber auf eine sehr schöne Art. Nicht: Das gehört uns. Sondern eher: Das gehört zu uns, komm, wir zeigen es dir.
Vielleicht hat mich das auch deshalb so berührt, weil meine eigene Beziehung zu Spanien etwas komplizierter ist.
Ich bin Spanier, aber in Venezuela geboren. Meine Eltern sind Venezolaner. Meine Großmutter Loli dagegen wurde in Barcelona geboren, in der Calle Aribau. Ihre Mutter kam aus Teruel, ihr Vater aus Alicante. Und ihr Mann, mein Großvater Helmut, war Deutscher.
Ich selbst lebe heute in Hamm, aber sooft ich kann, fahre ich nach Spanien. Meine Familiengeschichte eignet sich also nicht besonders, wenn man eine einfache Antwort auf die Frage sucht, wo man eigentlich hingehört.
Vielleicht denke ich deshalb öfter über solche Dinge nach.
An diesem Abend in Segovia dachte ich jedenfalls darüber nach, wie sehr ich Spanien liebe. Und ich meine das nicht politisch oder in irgendeinem pathetischen Sinn. Ich saß einfach da, sah diese Menschen feiern, aß ihr Essen, trank ihren Wein und dachte: Ich bin froh, dass dieses Land auch Teil meiner Geschichte ist.
Ich mag seine Unterschiede. Seine Regionen. Die Tatsache, dass man ein paar Stunden mit dem Zug fährt und plötzlich andere Gerichte, andere Traditionen und andere Musik findet. Und besonders mag ich Menschen, die das, was sie haben, gern mit anderen teilen.
Was ich aus Segovia mitgenommen habe
Am Sonntag fuhr ich zurück nach Madrid. Ich war gerade einmal zwei Nächte in Segovia gewesen und fuhr trotzdem ein bisschen verliebt weg.

Den Tag verbrachte ich noch in Madrid, wo ich unter anderem Rabo de Toro, geschmorten Ochsenschwanz, und ein Revuelto, Rührei mit Spargel und jungen Knoblauchtrieben, aß. Auch sehr gut. Aber das ist eine andere Geschichte.
Danach ging es mit dem AVE zurück nach Barcelona.
Von meinem ersten Wochenende in Segovia habe ich jedenfalls einiges mitgenommen: die Landschaft, das Aquädukt, die Jota, die spektakuläre Cochinillo-Zeremonie und einen Kellner, der sich über seine gelungene Empfehlung wahrscheinlich mehr gefreut hat als ich.
Und zwei wichtige Lektionen habe ich auch gelernt.
Wenn ein Kellner in Segovia sagt, dass man keine Vorspeise braucht, sollte man auf ihn hören.
Und wenn man bei einer segovianischen Hochzeit mit einem Glas Wein ruhig in einer Ecke stehen möchte, sollte man sich besser nicht darauf verlassen, dass die Segovianer das zulassen.
Titelbild: Jose Baron / Pexels