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Reisen & Entdeckungen

Die Brille, die ich wegen eines Iniesta-Tors verlor

Die Tribüne des Camp Nou in Barcelona mit dem Schriftzug „Més que un club“ in gelben Sitzen über dem Rasen

Eines Tages kaufte ich mir einen Fernseher mit 75 Zoll. Ein riesiges Ding. Fast schon ein kleines Kino im Wohnzimmer.

Die Spiele des FC Barcelona zu Hause zu schauen, zusammen mit meinen beiden Söhnen, wurde zu einem unserer liebsten Rituale.

Wir machten es uns auf dem Sofa gemütlich, bereiteten ein paar Snacks für den Fußballabend vor und genossen das Spiel. Besonders bei den späten Spielen war das praktisch, wenn die Kinder am nächsten Morgen zur Schule mussten.

Ich habe diesen Kauf nie bereut. Aber der riesige Fernseher hatte einen kleinen Nachteil: Ich ging immer seltener in eine Bar, um Fußball zu schauen.

Und diese Bars fehlen mir.

Viele Jahre habe ich in Sants gelebt, einem traditionellen Stadtviertel von Barcelona. Dort habe ich unzählige Spiele des Barça gesehen, meistens in kleinen Nachbarschaftsbars, umgeben von Menschen, die genauso verrückt nach Fußball waren wie ich.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, erinnere ich mich natürlich an große Tore und unglaubliche Spiele. Aber genauso gut erinnere ich mich an warme Bocadillos, Patatas bravas, volle Theken und lange Gespräche nach dem Abpfiff.

Und an eine Brille, die eines Abends kaputtging.

Der Abend, an dem Iniesta meine Brille zerbrach

Am 6. Mai 2009 schaute ich das Champions-League-Halbfinale zwischen dem FC Barcelona und Chelsea im Bar Som.y an der Plaça d’Osca in Sants.

Das Som.y gehörte damals zu meinen Stammkneipen. Es war auch ein Treffpunkt einer Barça-Penya. So nennt man in Katalonien die Fanclubs, deren Mitglieder sich regelmäßig treffen, um gemeinsam Fußball zu schauen.

Bei wichtigen Spielen war die Bar brechend voll.

An diesem Abend stand Barça kurz vor dem Ausscheiden. Chelsea führte mit 1:0, und es blieben nur noch wenige Sekunden.

Dann traf Andrés Iniesta in der Nachspielzeit aus der Distanz zum 1:1 und schoss Barcelona ins Finale.

Die Bar explodierte.

Alle sprangen auf, schrien und umarmten sich. Ich landete auf dem Boden, unter einem Berg von Menschen, die das Tor feierten, als hätten wir es selbst geschossen.

Als ich endlich wieder aufstehen konnte, stellte ich fest, dass meine Brille kaputt war.

Das war mir in diesem Moment ziemlich egal.

Barça stand im Champions-League-Finale.

Spieler des FC Barcelona feiern am 27. Mai 2009 in Rom den Sieg im Champions-League-Finale mit dem Pokal
Drei Wochen später in Rom: Barça gewinnt das Finale gegen Manchester United. Foto: galkiux, CC BY 2.0, zugeschnitten

Ein Bocadillo de lomo und neunzig Minuten Fußball

Ich weiß nicht, was man sich in Deutschland unter dem Essen vorstellt, das in Barcelona beim Fußballschauen auf den Tisch kommt.

Vielleicht denkt man an eine große Auswahl raffinierter Tapas, iberischen Schinken und liebevoll angerichteter kleiner Teller.

In den Bars, die ich besuchte, ging es meistens viel einfacher zu.

Mein Klassiker war ein Bocadillo de lomo: ein knuspriges Baguette mit frisch gebratenem Schweinelendensteak, geschmolzenem Käse, gebratenen Zwiebeln und Pan con tomate, also Brot mit eingeriebener Tomate und Olivenöl.

Für mich ist das bis heute eines der besten belegten Brote überhaupt.

Das leicht geröstete Brot, die Tomate, das Olivenöl, das heiße Fleisch, der Käse und die süßlichen Zwiebeln passen einfach wunderbar zusammen.

Ein Stapel Baguette-Bocadillos, dick mit Jamón belegt

Wenn ich etwas Einfacheres wollte, war ein gutes Bocadillo mit Jamón Ibérico immer eine sichere Wahl. Und wenn das Budget dafür nicht reichte, schmeckte auch eines mit Jamón del país, einem einfachen luftgetrockneten Schinken, hervorragend.

Eine besondere Schwäche habe ich außerdem für den Serranito.

Der Serranito stammt ursprünglich aus Andalusien, ist aber auch in Barcelona zu finden. Er wird mit gebratenem Schweinefleisch, Serrano-Schinken und gebratener grüner Paprika gefüllt. Je nach Bar kommt noch Tomate dazu.

Wenn er gut gemacht ist, mit saftigem Fleisch, weicher Paprika und einem schönen knusprigen Brot, ist er ein kleines Meisterwerk.

Meistens bestellte ich mir dazu ein Bier und suchte einen Platz vor dem Fernseher.

Manchmal ergatterte ich einen Tisch. Manchmal musste ich an der Theke stehen. Und bei besonders wichtigen Spielen blieb einem oft nichts anderes übrig, als die neunzig Minuten mitten im Gedränge zu verbringen.

Die Bars in Sants sind häufig klein. Wenn Barça spielt, rücken alle ein bisschen zusammen.

Einer beschwert sich über den Schiedsrichter, der Nächste kritisiert den Trainer und ein Dritter weiß schon vor dem Anpfiff, warum die Aufstellung eine Katastrophe ist.

Währenddessen bringt der Kellner weiter Getränke und Essen an die Tische.

Natürlich gab es nicht nur Bocadillos.

Ich bestellte auch gerne Patatas bravas mit ihrer würzigen Sauce, Oliven oder etwas Wurst zum Teilen. In anderen Bars gab es wunderbare Sardellen mit Pan con tomate, Boquerones en vinagre, also in Essig marinierte Sardellen, oder Kroketten mit Schinken oder Kabeljau.

Jede Bar hatte ihre eigenen Spezialitäten.

Und genau das habe ich an diesen Orten immer geliebt.

Tapasbar in Barcelona mit Schinken an der Decke und einer Kreidetafel, auf der Jamón angeboten wird

Ich war nie ein besonders großer Fan von riesigen Sportsbars mit zwanzig Bildschirmen, Fußballschals an den Wänden und einer Speisekarte, die in jeder Stadt der Welt gleich aussieht.

Ich bevorzuge die ganz normalen Bars im Viertel. Orte, an denen die Nachbarn morgens ihren Kaffee trinken, mittags etwas essen und abends miteinander reden.

Wenn Barça spielt, verwandeln sie sich für ein paar Stunden in kleine Fußballstadien.

Der Fußball beginnt lange vor dem Anpfiff

Was ich an Sants besonders mag: Ein Fußballspiel kann ein wunderbarer Anlass sein, einen ganzen Nachmittag im Viertel zu verbringen.

Nehmen wir an, Barça spielt an einem Sonntagnachmittag.

Dann gehe ich gerne zuerst auf einen Vermut an die Plaça d’Osca, zum Beispiel ins Vermut i a la Gàbia, eines meiner Lieblingslokale.

In Barcelona ist der Vermut viel mehr als nur ein Getränk. Es ist auch eine kleine gesellschaftliche Tradition, besonders am Wochenende.

Kreidetafel am Eingang einer Bar: „Tenemos el peor Vermut del mundo. Pruébalo“

Man trifft sich vor dem Mittagessen, bestellt ein Glas Wermut und dazu verschiedene Kleinigkeiten.

Oliven, Sardellen, eingelegte Sardellen, Muscheln aus der Dose, Bonito und dicke Kartoffelchips mit Salsa Espinaler.

Diese Chips sind eine kleine Wissenschaft für sich. Sie müssen dick genug sein, damit sie die würzige Sauce aufnehmen, ohne sofort weich zu werden.

Frittierte Tintenfischstücke mit Zitrone und knusprige Speckwürfel (Torreznos) in Metallschalen

Ich liebe diese Kombination aus salzigen Kleinigkeiten, guten Konserven und der entspannten Atmosphäre auf dem Platz.

Man sitzt draußen, schaut den Menschen zu und bestellt vielleicht noch einen Teller.

Danach kann man ein bisschen durch Sants spazieren, vor dem Spiel ein Bier trinken und sich schließlich eine Bar suchen, in der Fußball gezeigt wird.

Oder man setzt sich vorher irgendwo richtig zum Essen hin. In Sants gibt es auch wunderbare Lokale, in denen man beispielsweise ein gutes Entrecôte bekommt.

Mir gefällt diese Art, einen Nachmittag zu verbringen, ohne ihn allzu genau zu planen.

Der Fußball liefert den Anlass, aber er ist nicht das Einzige, worum es geht.

Schon vor dem Spiel diskutiert man über die Aufstellung, die Form der Mannschaft und die Chancen gegen den Gegner.

Und nach dem Abpfiff geht es weiter.

Dann beginnt die Tertulia, die ausgedehnte Diskussion über alles, was gerade passiert ist.

Wenn Barça gewonnen hat, sind alle zufrieden. Wenn Barça verloren hat, weiß garantiert jemand ganz genau, was der Trainer hätte anders machen müssen.

Solche Gespräche können manchmal fast so lange dauern wie das Spiel selbst.

Pollo a l’ast: der Duft der Sonntage in Barcelona

Heute sieht mein Fußballalltag anders aus.

Ich habe einen riesigen Fernseher, zwei ziemlich anspruchsvolle Mitspieler auf dem Sofa und die Möglichkeit, etwas Leckeres zu essen, ohne das Haus verlassen zu müssen.

Eine meiner liebsten kulinarischen Erinnerungen an Barcelona passt wunderbar zu Fußballspielen, die an einem Sonntagmittag oder am frühen Nachmittag stattfinden: Pollo a l’ast, Hähnchen vom Drehspieß.

Diese Hähnchen gehören für mich zu einem katalanischen Sonntag wie der Wermut oder ein langer Spaziergang.

In Barcelona, in Llançà und praktisch in jedem katalanischen Ort findet man kleine Geschäfte, die sich auf Hähnchen zum Mitnehmen spezialisiert haben.

Es sind keine Restaurants. Man kann dort normalerweise nicht sitzen und essen.

Man kommt herein, bestellt am Tresen und nimmt sein Essen mit nach Hause.

Hinter dem Tresen drehen sich die Hähnchen langsam auf großen Spießen. Daneben gibt es eine kleine Küche, in der Kartoffeln, Kroketten und andere Beilagen vorbereitet werden.

Der Duft ist fantastisch. Man riecht ihn oft schon von der Straße aus.

Sonntags stehen die Menschen Schlange. Manche haben telefonisch vorbestellt, andere kommen einfach vorbei und warten, bis ihr Essen fertig ist.

Das ist keine besondere Attraktion für Touristen. Es ist einfach eine ganz normale katalanische Sonntagsgewohnheit.

Und gerade deshalb mag ich sie so sehr.

Einer meiner Lieblingsläden dafür ist Supergallo an der Avinguda de la República Argentina in Barcelona.

Dort befindet sich die kleine Küche mit den Drehspießen in einem tiefer gelegenen Bereich des Geschäfts.

Ich habe dort schon oft ein ganzes Hähnchen bestellt, dazu Patatas al caliu, also Kartoffeln, die mit ihrer Schale gegart werden. Manchmal auch Pommes frites und ein paar Kroketten.

Man bezahlt am Tresen und wartet, bis alles fertig ist.

Anschließend holt man seine Bestellung ab und nimmt die Tüten mit nach Hause.

Und dann kommt einer meiner Lieblingsmomente.

Man öffnet die Verpackungen, und sofort verbreitet sich dieser wunderbare Duft nach gebratenem Hähnchen, heißen Kartoffeln und Bratensaft.

So ein Essen passt wunderbar zum Fußballschauen am Nachmittag. Alles kommt auf den Tisch, der Fernseher läuft, und niemand muss lange in der Küche stehen.

Es ist eine dieser einfachen Gewohnheiten, die ich besonders an Katalonien schätze.

Und das Beste daran: Sie funktioniert auch, wenn gerade kein Fußball läuft.

Jamón, Fuet und ein Platz auf dem Sofa

Wenn ein Spiel erst spät am Abend stattfindet, ist ein frisch gekauftes Hähnchen vom Drehspieß natürlich nicht immer eine Option.

Dann mache ich es mir zu Hause noch einfacher.

Ich schneide etwas Fuet auf, lege ein paar Scheiben Jamón Serrano und Lomo Embuchado auf einen Teller und hole ein Stück Manchego aus dem Kühlschrank.

Dazu gibt es gutes Brot mit Tomate und Olivenöl.

Dünn geschnittener Jamón auf einem Holzbrett, daneben Pan con tomate auf einer blau-weiß bemalten Keramikplatte

Vielleicht noch ein paar Oliven, Sardellen oder eine Dose guter Sardinen.

Viel mehr braucht es nicht: spanisches Fingerfood, für das man den Blick nicht vom Fernseher nehmen muss.

Ich stelle alles auf den Tisch, schenke mir ein Glas Wein ein und setze mich mit meinen Söhnen vor den Fernseher.

Holzbrett mit luftgetrocknetem Schinken, Käsescheiben und Käsewürfeln zum Teilen am Fußballabend

Wenn man im Internet nach Snacks für den Fußballabend sucht, findet man wahrscheinlich jede Menge Nachos, Chips und Würstchen.

Dagegen habe ich überhaupt nichts.

Aber für mich schmeckt ein Fußballabend eben auch nach Pan con tomate, Jamón, Fuet, Manchego und manchmal nach einem frisch gebratenen Hähnchen.

Das sind die Dinge, mit denen ich den Fußball in Barcelona verbinde.

Nicht, weil sie besonders raffiniert wären.

Sondern weil sie mich seit vielen Jahren begleiten.

Die Brille ist zu Hause sicherer

Wenn ich die Gelegenheit habe, schaue ich mir auch heute noch gerne ein Spiel in einer richtigen Nachbarschaftsbar an.

Besonders die Bars von Sants sind mir in Erinnerung geblieben.

Eine Hand schwenkt im Stadion eine Fahne mit dem Wappen des FC Barcelona, daneben die katalanische Flagge

Ich mag es, zwischen den Nachbarn zu stehen, etwas zu essen und den Gesprächen zuzuhören. Ich mag die Aufregung vor dem Anpfiff und die Diskussionen danach.

Aber ich genieße auch unsere Fußballabende zu Hause.

Meine Söhne und ich diskutieren über die Spieler, die Wechsel und darüber, wer der Beste auf dem Platz war.

Manchmal gibt es etwas Warmes zu essen. Manchmal teilen wir uns einen Teller mit Wurst, Schinken und Pan con tomate.

Vielleicht erinnern sich meine Kinder in ein paar Jahren an diese Nachmittage genauso gerne, wie ich mich heute an die Bars von Sants erinnere.

Das würde mich freuen.

Und einen Vorteil hat mein riesiger Fernseher immerhin:

Wenn Barça ein wichtiges Tor schießt, ist meine Brille auf dem Sofa deutlich sicherer.

Snacks für den Fußballabend, wie in Barcelona

  • Pan con tomate: Brot rösten, mit einer halbierten reifen Tomate einreiben, Olivenöl und etwas Salz darüber.
  • Aufschnitt zum Teilen: Fuet, Jamón, Lomo Embuchado und ein Stück Manchego.
  • Aus der Dose: Sardinen, Sardellen oder Bonito, dazu Oliven und dicke Kartoffelchips.
  • Warm am Sonntagmittag: Pollo a l’ast mit Patatas al caliu oder Kroketten.

Die Orte aus dieser Geschichte

Öffnungszeiten ändern sich: vorher nachsehen.

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Fotos: Pexels; Finale in Rom: galkiux / Flickr (CC BY 2.0)

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